| Editorial - Die Pille für den richtigen Mann |
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| Hormone in der Umwelt erregen die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten: Waren es anfangs die Hormoncocktails im Kalbsschnitzel, so ist es heute der Mensch selbst. Genauer genommen der Mann, dessen schwindende Potenz ungeahnte Ängste weckt. Immerhin zeigt eine stattliche Anzahl von Studien, daß sich das Sperma des Mannes seit 1940 kontinuierlich verschlechtert hat, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität. Geschlechtsumwandlungen bei Fischen brachten britische Forscher auf die Idee, einmal im Abwasser nach verdächtigen Stoffen zu fahnden. Unterhalb von Kläranlagen "verweiblichen" Fisch-Männchen besonders schnell. Die Männchen produzieren zu allem Überfluß sogar Eiweiße für Fischeier, noch dazu in derselben Menge wie reife Weibchen. Die hormonelle Wirkung reicht bis zu 5 Kilometer unterhalb der Abwasserrohre. Als Ursache entpuppte sich ein Abbauprodukt von Alkylphenol-Ethoxylaten aus Waschpulvern.Eine andere Spur im Abwasser führt zur Antibabypille. Im Gegensatz zu den natürlichen Sexualhormonen sind die Wirkstoffe der Pille ziemlich stabil. Sie werden über den Urin ausgeschieden und durch die Toilette in die Kläranlagen gespült. So gelangt der aktive Verhütungsmix aus der Kloschüssel in unsere Gewässer, aus denen die Wasserwerke wieder Trinkwasser gewinnen. Womit sich der Kreislauf schließt. Wer weiß, vielleicht erübrigt sich eines Tages die regelmäßige Einnahme der Pille. Unfruchtbarkeit: schmutziger Trick der Industriegesellschaft Dort, wo die Umwelt in besonderem Maße unter der Verschmutzung leidet, sind Fruchtbarkeitsstörungen verbreitet und bedrohen die Existenz zahlreicher Tierarten. Eine Flut wissenschaftlicher Arbeiten zeigt, daß eine ganze Reihe klassischer Umweltgifte wie DDT, PCB, HCH, BADGE oder TCDD Verwirrung im Hormonhaushalt stiften und damit als Ursache in Frage kommen. Die Folge ist zumindest ein neuer Fachbegriff: die Xenoöstrogene. Dieser Zusammenhang wird von anderer Seite zurückgewiesen: Die erforderlichen DDT-Konzentrationen im Blut des Menschen müßten um den Faktor 1.000 höher liegen, um die Östrogenrezeptoren zur Hälfte abzusättigen. Und schließlich sind ein paar Mikrogramm Xenoöstrogene absolut unbedeutend gegenüber den natürlichen Phytoöstrogenen in unserer Nahrung. Leinsaat enthält von derartigen Hormonen bis zu 4 Gramm pro Kilo, in der Sojabohne ist es immerhin noch 1 Gramm. Aber: Phytoöstrogene werden im Gegensatz zu lipophilen Umweltgiften schnell verstoffwechselt und wieder ausgeschieden. Die Gehalte an DDT oder PCB im menschlichen Fettgewebe liegen um eben diesen Faktor 1.000 über den Serumspiegeln. Nun ist Fett nicht nur in den "Fettdepots" vorhanden, sondern in allen Organen. Somit sind hormonelle Effekte naheliegend. Bei Kindern zeigten sich, je mehr die Mütter während der Schwangerschaft mit Umweltgiften belastet waren, häufiger ein geringeres Geburtsgewicht, geringere Intelligenz und Verhaltensstörungen (Hyperaktivität). Mittlerweile scheinen die Forschungsergebnisse beiden Seiten recht zu geben. Sie weisen auf eine direkte Wechselwirkung hin: Phytoöstrogene blockieren die Rezeptoren, so daß die Xenoöstrogene nicht mehr wirksam werden können. Damit üben sie eine Schutzfunktion aus. So könnte sich der Sojaburger mit Leinsamen doch noch zur "Pille für den richtigen Mann" mausern. von Udo Pollmer |
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