[BACK] [BACK WIDE] [HOME] [FORWARD]Von Arzt zu Arzt: von Dr. med. Peter Porz
Vorsicht Supplemente!
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Phytoöstrogene sind in der Medizin nun wirklich nichts Neues. Verordnen wir doch den Mönchspfeffer (Vitex agnus castus), auch Keuschlamm genannt, erfolgreich bei Klimakteriumsbeschwerden. Allein der Name weist auf östrogene Wirkungen hin, die mittlerweile mit moderner Analytik bestätigt werden konnten. Die Früchte enthalten diphenolische Flavonoide, die für eine östrogene Wirkung charakteristisch sind (5). Ebenso Cimicifuga racemosa, das Wanzenkraut, das sich zur Therapie vieler gynäkologischer Beschwerden bewährt hat. Hier spielt vor allem das Formononetin eine wichtige Rolle (8).

Formononetin ist eins von etwa 15 Phytoöstrogenen, die gerade die Ernährungsmedizin revolutionieren. Seit der Stern der Vitamine und Mineralstoffe am Himmel der Gesundheitsversprechen zu sinken beginnt, jubeln nun alle den sekundären Pflanzeninhaltsstoffen zu. Unter diesen nehmen die Phytoöstrogene tatsächlich eine Ausnahmestellung ein. So waren Sojamilch oder Leinsamen, die einen hohen Gehalt an Phytohormonen aufweisen, in der Lage, die Zykluslänge von Frauen zu verändern (3).

Vom Hoffnungsträger...

Epidemiologische Studien geben seit vielen Jahren Hinweise darauf, daß der Verzehr von Sojaprodukten statistisch mit einem verminderten Krebsrisiko verbunden ist. Hierzu paßt die Beobachtung, daß Tumoren, die sexualhormonabhängig sind, wie z.B. Brust- oder Prostata-Ca, bei solchen Menschen selten sind, die viele Lignane oder Isoflavonoide im Urin ausscheiden (1).

Große Hoffnungen werden auf das antiatherogene Potential der Phytoöstrogene gesetzt sowie auf ihre positiven Auswirkungen bei Beschwerden der Menopause, insbesondere der Osteoporose. Mit Ipriflavon wird bereits ein synthetisches Isoflavonoid zur Therapie der Osteoporose verwendet. Auch wenn sich natürliche Isoflavonoide aus der Nahrung nicht patentieren lassen und somit kaum eine Chance haben, zum neuen Schatz unserer Pharmaindustrie zu avancieren, dürften einige der Substanzen doch von erheblichem therapeutischem Interesse sein (1, 2, 6).

... zum Risikofaktor

Es darf nicht überraschen, wenn die komplexe Steuerung des Geschehens nicht alle Reaktionen vorhersehbar macht. So muß wie bei allen pharmakologisch wirksamen Substanzen auch bei der Gabe von Phytoöstrogenen mit unerwünschten Wirkungen gerechnet werden. Immerhin kam es durch Genistein auch zur Stimulierung eines malignen Geschehens (7). In Tierversuchen förderten Genistein und Daidzein Kropf und Schilddrüsenkrebs, was für Vegetarier und Säuglinge, die Ersatznahrung auf Sojabasis erhalten, bedenklich sein kann (4).

Kommerz mit "Functional Foods"

Die Lebensmittelwirtschaft scheint das nicht zu stören. In einer ihrer Fachzeitschriften beklagt sie zwar, daß zur Abklärung der Wirkungen auf den Menschen geeignete Studien ebenso fehlen wie genügend Informationen zum Gehalt der Stoffe in der Nahrung. Die vielversprechenden Hypothesen machten Phytohormone jedoch "zu interessanten Kandidaten als Zusätze für sogenannte Functional Foods", also Lebensmitteln mit "Gesundheitszusätzen" (6).

Damit ist klar, wohin die Reise geht: Schon lange bevor wir Genaueres über die Wirkungen wissen, werden diese Stoffe Nahrungsmittel "bereichern" und als Supplemente in den Läden stehen. Gegen diese Art von "Bereicherung" sollten wir Ärzte allmählich einen bedingten Reflex entwickelt haben. Erst wenn wir gesicherte Erkenntnisse über Nutzen und Schaden dieser Stoffklasse haben, über Dosierungen und Nebenwirkungen, von Menschen unseres Kulturkreises und unserer Ernährungsweise, können wir unseren Patienten guten Gewissens Ratschläge geben.

Noch gilt, was Adlercreutz, Pionier der Phytoöstrogenforschung, kürzlich formulierte (1): "Der Zusammenhang ist noch längst nicht bewiesen, aber es sieht immer mehr danach aus, daß die Antikrebs-Effekte weniger auf einzelne Bestandteile zurückzuführen sind, als vielmehr auf eine konzertierte Aktion vieler phenolischer Verbindungen, einschließlich der Flavonoide, Isoflavonoide und Lignane."

Literatur

Adlercreutz, H, Mazur, W: Annals of Medicine 1997/29/S.95-120
Brandi, ML: Calcified Tissue International 1997/61/S.S5-S8
Cassidy, A et al: American Journal of Clinical Nutrition 1994/60/S.333-340
Divi, RL et al: Biochemical Pharmacology 1997/54/S.1087-1096
Hirobe, C et al: Phytochemistry 1997/46/S.521-524
Kardinaal, AFM et al: Trends in Food Science & Technology 1997/8/S.327-333
Rao, CV et al: Cancer Research 1997/57/S.3717-3722
Struck, D et al: Planta Medica 1997/63/S.289



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