| Editorial - Wein auf Rezept |
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| Was seit Jahrtausenden gängige ärztliche Praxis war, in unserem "aufgeklärten", pharma-orientierten Zeitalter aber in Vergessenheit geriet, könnte durchaus wieder Zukunftsmusik sein: Wein auf ärztliche Anordnung zur Prävention und Therapie unserer bedrohlichsten Zivilisationskrankheiten. Mit täglich 2 bis 3 Gläschen der köstlichen Tropfen könnte man Herz- und Hirninfarkt, Krebs und neuerdings auch Alzheimer bekämpfen. Schworen die Ärzte früher aufgrund alter Überlieferungen und eigener Erfahrung auf die wohltuende Wirkung des Weins, so sind es heute ungezählte wissenschaftliche, nüchterne Experimente und Langzeitbeobachtungsstudien, die der Gesundheitsdiskussion um den Wein eine ernstzunehmende Basis bieten. Bekanntlich ist Wein nicht gleich Wein, und so kann man sich einerseits über den Geschmack, andererseits aber auch über die Inhaltsstoffe trefflich streiten: Was ist verantwortlich für die "sanitas" im "vino"? Viele Experten schwärmen von den omnipotenten Polyphenolen, einige betonen die Salicylsäure, die offenbar in präventivmedizinisch interessanter Dosis mit einigen Weinen gänzlich ungepanscht einzunehmen wäre. Doch der Stoff, für den bisher am eindeutigsten eine gesundheitsfördernde Wirkung belegt ist, wird am liebsten immer noch hinter vorgehaltener Hand diskutiert: der beliebte und verteufelte Alkohol! Bislang war die Alkohol-Problematik schon nicht einfach zu handhaben: Einerseits ist er ein Nahrungs- und Genußmittel, andererseits ab einer gewissen Dosis auch ein Rauschmittel. Man muß deshalb genau zwischen "Gebrauch" und "Mißbrauch" unterscheiden. Die Drogenbeauftragten der Länder z.B. sagen, daß bei einem Mann der Konsum von 40 g Alkohol am Tag als "Mißbrauch" einzustufen ist. Da tut sich ein enormes politisches Alkoholproblem auf. Denn daß man sich im statistischen Mittel bei diesem "Mißbrauch" gleichzeitig einer besonders stabilen Gesundheit erfreut, davon zeugt nun auch eine Studie aus Deutschland. In der Augsburger Kohorte des WHO-Monica-Projektes war die geringste Sterblichkeit der Männer bei einem Konsum von 20 bis 39 g Alkohol pro Tag zu finden. Erst über 80 g war das Sterblichkeitsrisiko eines Abstinenzlers erreicht. Wer im Schnitt 40 g "mißbrauchte" - in Wein umgerechnet zwischen 0,4 und 0,5 Liter pro Tag - trug zwar per Definition ein gehöriges Alkoholproblem mit sich herum, gleichzeitig lebte er aber gesünder länger als diejenigen, die aus "Gesundheitsgründen" auf Alkohol verzichtet hatten. Paradox? Mitnichten. Inzwischen sind weltweit über 30 solcher epidemiologischer Studien veröffentlicht, die zum gleichen Ergebnis kommen. Sie räumen alle Zweifel beiseite: Alkohol ist offenbar überaus gesund, sofern die richtige Dosis eingehalten wird. Die Erkenntnislage zwingt sogar zu einer noch provokanter anmutenden Aussage: Alkohol ist der Nahrungsbestandteil, der am eindeutigsten und ausgeprägtesten präventiv wirkt. Das American College of Cardiology hat bereits 1996 Alkoholverzicht offiziell in die Liste der Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgenommen. Schätzungsweise bis zu 50 % der Bevölkerung könnten durch entsprechenden Alkoholkonsum ihr genetisch bedingtes Risikoprofil für Herzinfarkt gezielt verringern! Wieviel Milliarden damit eingespart werden könnten, ist für das in Finanznot geratene deutsche Gesundheitssystem noch nicht berechnet worden. In Zukunft wird es weder ethisch-moralisch noch wirtschafts- und gesundheitspolitisch zu verantworten sein, die Bevölkerung pauschal zum Alkoholverzicht aufzufordern. Wein als Mittel der Prävention - was bisher moralisch undenkbar, medizinisch gewagt und "politisch unkorrekt" erschien, daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Dr. oec. troph. Nicolai Worm Weiterführende Literatur: Der Autor unseres Editorials hat ein Buch zum Thema geschrieben: Nicolai Worm: Täglich Wein - Gesünder leben mit Wein und mediterraner Ernährung. |
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