[BACK] [BACK WIDE] [HOME] [FORWARD]Von Arzt zu Arzt von Dr. med. Peter Porz[EU.L.E. HOME]

Falls sich die Forschungsergebnisse über die positiven gesundheitlichen Wirkungen alkoholischer Getränke in weiteren prospektiven Studien bestätigen lassen sollten, sehe ich schon die Schlagzeilen vor mir: "Ärzte raten zum Frühschoppen" oder "Trinkt, was die Leber hält" - und die Alkoholiker hätten endlich eine wissenschaftlich untermauerte Rechtfertigung für ihre Sucht. Immerhin sollen Alkoholika, entgegen der bisherigen medizinischen Meinung, in einer dem Alkoholgehalt von 2 - 4 Gläsern Wein entsprechenden Menge positive Wirkungen auf die menschliche Gesundheit entfalten.

In den bisherigen Untersuchungen ist nicht berücksichtigt worden, daß Wein, Bier und Schnaps keine weltweit standardisierten Produkte sind, auch wenn mit gleichen Alkoholgehalten gearbeitet wurde. (Ich rate zum heroischen Selbstversuch: Chianti neben Bordeaux oder Scotch neben Bourbon.) Sicher ließen sich mit mehr Rücksicht auf die Zusammensetzung und die Herstellungsverfahren der einzelnen Getränke die teilweise erheblich differierenden Angaben zu den protektiv wirksamen Mengen von Alkoholika erklären. Denn womöglich sind es die Begleit- und Geschmacksstoffe, die für die positiven Wirkungen verantwortlich zeichnen. Der Alkohol dient aber offenbar als Lösungsvermittler und Synergist.


ALKOHOL - NÜCHTERN BETRACHTET

Insbesondere Wein scheint eine segensreiche Wirkung auf die KHK-Häufigkeit und -Sterblichkeit auszuüben und z.B. das LDL-Cholesterin zu senken. Damit läßt sich z.B. das sogenannte französische Paradoxon leicht erklären. Jedoch gilt hier wie bei allen Nahrungsgewohnheiten und Lebensmitteln: Pauschale Ratschläge sind fehl am Platz. Der einzelne Mensch unterscheidet sich in seinem Stoffwechsel derart von anderen, daß generelle Trinkempfehlungen individuell unzuträglich sein können. Möglicherweise tut dem einen gerade der Weißwein gut, während für den nächsten ein alter Rotwein bekömmlicher und gesünder ist. Daher halte ich auch nicht viel von den "Rotweinpülverchen", die bereits getestet werden, um Weißweintrinker oder Antialkoholiker in den Genuß der positiven Rotweinwirkungen kommen zu lassen. Vermutlich werden sie dennoch, z.B. in den USA und in islamischen Ländern, zu einem Bombengeschäft ....

Bei aller Weinseligkeit ob der neuen Forschungsergebnisse darf auch nicht vergessen werden, daß der Mißbrauch von Alkohol enorme gesundheitliche und soziale Probleme verursacht. Gerade wir Ärzte, die wir fast täglich mit Leberschäden oder den Opfern von Schlägereien und Verkehrsunfällen zu tun haben, sollten das Thema Alkohol daher nüchtern betrachten. Es wäre unverantwortlich, Abstinenzlern oder Suchtgefährdeten zu täglichem Alkoholgenuß zu raten. Andererseits gibt es natürlich auch keinen Grund, Gesunden wie Patienten, die vernünftig mit Alkohol umgehen (können), den Feierabend-Schoppen oder ein, zwei Viertele zum Essen zu vermiesen. In diesem Sinne: Wohl bekomm´s!



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