[BACK] [BACK WIDE] [HOME] [FORWARD]Rotwein: Migräne durch Flavonoide[EU.L.E. HOME]

Littlewood, JT et al: Red wine as a cause of migraine.
Lancet 1988/1/S.558-559

Jeder vierte Migränepatient glaubt, seine Anfälle hingen mit der Ernährung zusammen. Rotwein führt dabei die Liste der verdächtigten Lebensmittel an. Mediziner vertreten jedoch die Ansicht, daß der Alkohol und nicht der Wein als solcher dafür verantwortlich ist. Durch einen Blindversuch mit 19 Patienten, die angaben, empfindlich auf Rotwein zu reagieren, überprüften britische Forscher diese Behauptung. Die Probanden erhielten entweder 0,3 l Rotwein oder eine Wodka-Limonaden-Mixtur mit gleichem Alkoholgehalt. Der Geschmack wurde maskiert, indem die eisgekühlten Getränke aus einem braunen Glas mit dunklem Strohhalm getrunken werden mußten. 9 der 11 Rotweintrinker reagierten prompt mit einer Migräneattacke, jedoch keiner der Wodka-Trinker. 5 gesunde Vergleichspersonen vertrugen den Rotwein ohne Nebenwirkungen.

Einer alten Hypothese zufolge sollen biogene Amine - insbesondere Tyramin - für die Migräne verantwortlich sein. Da der Gehalt jedoch unter 2 mg/l lag, einem für fermentierte Lebensmittel verschwindend geringen Anteil, schied diese Möglichkeit aus. Die Autoren schlagen eine andere Erklärung vor: Ausgehend von der Beobachtung, daß lediglich Rotwein Migräneattacken auslöst, machen sie Polyphenole dafür verantwortlich. Rotwein enthält z.T. mehr als 1 g/l (vor allem Flavonoide wie Catechine und Anthocyane), während Weißwein gewöhnlich nicht mehr als 250 mg/l aufweist. Die Flavonoide des Rotweins hemmen wirksam ein Enzym in der Darmwand, die Phenolsulfotransferase (PST). Dieses Enzym inaktiviert ein breites Spektrum von Phenolen durch Konjugation mit Sulfat. Die Flavonoide könnten so dafür sorgen, daß nicht sulfatierte Phenole resorbiert werden, oder daß endogen gebildete Phenole nicht mehr entgiftet werden, die dann über den Blutstrom ins Gehirn gelangen und Migräne auslösen. Patienten, die Rotwein als Auslöser ihrer Migräne ansehen, weisen außerdem signifikant geringere PST-Aktivitäten im Blut auf.

Anmerkung: Diese Theorie wird durch die Beobachtung gestützt, daß neben Rotwein vor allem Schokolade als Auslöser von Migräne genannt wird. Polyphenole machen 12 - 18 % der Trockenmasse von Kakaobohnen aus. Auch hier spielen Tannine, Catechine und Anthocyane eine wichtige Rolle.

Flavonoide könnten auch eine Ursache für den Kater sein, meint Friedrich Würgler von der ETH Zürich. Junger, rauher Wein kann zu einem viel größeren Kater führen als irgendein anderes Getränk mit dem gleichen Alkoholgehalt. Würgler rät empfindlichen Migränepatienten daher, möglichst nur alten ausgereiften Rotwein zu trinken, bei dem die Flavonoide als sichtbarer Niederschlag ausgefallen sind. (Naturwissenschaftliche Rundschau 1989/42/S.108-109)



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