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Weißwein: Östrogene statt Polyphenole

Gavaler, JS et al: The phytoestrogen congeners of alcoholic beverages: current status.
Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine 1995/208/ S.98-102

Bei Alkoholikern findet man gewöhnlich eine Tendenz zur Feminisierung (s.a. EU.L.E.n-Spiegel 1995/H.4/S.9), sichtbar beispielsweise an der Gynäkomastie. Da jedoch die Blutwerte fÖr körpereigene Östrogene nur minimal erhöht sind, dachte man schon lange an die Möglichkeit einer exogenen Zufuhr durch alkoholische Getränke. Typische Rohstoffe wie Hopfen (Bier), Reis (Sake) oder Mais (Bourbon) können erhebliche Mengen an östrogenen Substanzen enthalten. Um herauszubekommen, inwieweit diese teilweise noch unbekannten Wirkstoffe ins Endprodukt Öbergehen, stellten die Autoren zunächst aus Whiskey, Bier und Wein einen alkoholfreien Extrakt her. Sie dampften die Getränke zur Entfernung des Alkohols vollständig ein und lösten den RÖckstand in Wasser mit minimalem Alkoholzusatz zur Verbesserung der Löslichkeit.

Der Whiskeyextrakt wurde an Ratten verfÖttert, denen die Eierstöcke entfernt worden waren. Dabei kam es dosisabhängig zu einer Zunahme des Uterusgewichts. Nun wurde der Extrakt (entsprechend etwa täglich 2 doppelten Whiskeys) einen Monat lang postmenopausalen Frauen verabreicht. Daraufhin sanken die Blutgehalte an den Sexualhormonen LH und FSH signifikant, während die Prolaktinwerte anstiegen. In Bourbon und Bier konnten mittels Gaschromatographie-Massenspektrometrie die Phytoöstrogene Biochanin, ß-Sitosterol, Daidzein und Genistein identifiziert werden.

Ein weiterer Versuch galt dem Wein und seiner Fähigkeit, Östradiol vom Östrogen-Rezeptor zu verdrängen. Dabei erwies sich der Extrakt aus rotem Burgunder als schwach wirksam (ca 20 % Verdrängung), gefolgt von Rosé (ca 50 %). Roter Cabernet entsprach in seiner Wirkung bereits dem Bourbon (ca 75 %). Am effektivsten war ein Weißwein (Chablis), der das Östrogen fast vollständig (ca 90 %) am Rezeptor ersetzte. Die Autoren gehen davon aus, daß alkoholische Getränke aufgrund ihrer östrogenen Wirkstoffe die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Osteoporose beeinflussen.

Anmerkung: Verschiedene Überlegungen sprechen fÖr das Vorhandensein von östrogen wirksamen Isoflavonoiden im Weißwein. Bisher galt die Aufmerksamkeit vor allem den Flavonoiden, nachdem Hertog zeigen konnte, daß die Menge dieser Wirkstoffe in der Nahrung einen wichtigen alimentären Schutzfaktor fÖr das Herz-Kreislauf-System des Menschen darstellt. Dabei erwies sich der Flavonoidgehalt im Rotwein als wesentliche Erklärung fÖr das "French Paradox" (EU.L.E.N-SPIEGEL 1995/H.4/S.11). Isoflavonoide spielen dagegen eine wichtige Rolle bei der Prävention von Brust-, Gebärmutter- und Prostatakrebs und wahrscheinlich von Leber- und Nervengewebekrebs (Journal of Steroid Biochemistry 1986/25/S.791-797, European Journal of Clinical Investigation 1992/22/S.260-264, Steroids 1993/58/S.301-304). Vielleicht hängt die unterschiedliche Vorliebe fÖr weißen, roten und Rosé-Wein mit dem individuellen physiologischen Bedarf an diesen Wirkstoffen zusammen.



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