| Mogelpackung "Ökoei": Mehr Salmonellen, mehr Arzneimittel, höhere Umweltbelastung! |
|---|
| Prächtig bunte Hähne und freudig gackernde Hennen scharren munter im Hühnerhof. So wünschen sich viele Konsumenten die Produktion von Eiern in der alternativen Legehennenhaltung. Bei diesen artgerechten Haltungsbedingungen dürfte die Anwendung von Arzneimitteln nicht notwendig sein. Die Umwelt wird geschont! Rückstände? Salmonellen? Kein Thema!!! Was kann es Schöneres geben? Und so haben Boden - und Freilandeier in der Bundesrepublik einen Marktanteil von etwa 14% erobert. von Dr. med. vet. Manfred Stein, Gyhum Wirklich glückliche Hühner? Keine Frage, die Käfighaltung ist nicht tiergerecht, wenig Platz, ein arttypisches Verhalten ist nicht möglich. Auf der anderen Seite lassen sich Käfigbatterien nach jedem Ausstallen gründlich desinfizieren, die Ställe sind klimatisiert. Da der Kot durch Roste fällt und regelmäßig aus dem Stall gebracht wird, kommen die Tiere nur wenig in Kontakt mit ihren Ausscheidungen. Mahnende Stimmen, die seit vielen Jahren vor den Problemen und Risiken einer Boden - und Auslaufhaltung warnten, wurden und werden von vielen alternativen Geflügelhaltern ignoriert. In dieser Haltungsform unterliegen die Hühner einer erhöhten hygienischen Belastung, da ein ständiger Kontakt mit der Einstreu und dem darin enthaltenden Kot besteht. In den Bodenhaltungen ist eine laufende Kotentfernung ebenso ausgeschlossen wie in der Auslaufhaltung. Zugluft, Nässe (Regen, Schnee) und Unterkühlung (Herbst, Winter), Stressfaktoren, die insbesondere in der Auslaufhaltung praktisch unvermeidbar sind, bewirken bei den Tieren eine reduzierte Abwehrfähigkeit gegen Krankheitserreger. Da bei erkrankten Tieren ein längerwährender Kontakt mit den über die Exkremente ausgeschiedenen Krankheitserregern besteht, reinfizieren sich die Tiere laufend. Mit Durchfallkot durchweichte Einstreu oder ein regennasser Auslauf läßt die Haut aufweichen, Krankheitserreger können in die Haut eindringen. Hieraus resultiert die Notwendigkeit, daß Arzneimittel im Vergleich zur Erkrankungen in der Legebatterie deutlich länger und häufiger eingesetzt werden müssen. Der Medikamenteneinsatzes in der Boden und Auslaufhaltung kann sich um das Sechsfache steigern, so daß derartige Haltungssysteme von Fachleuten als „medikamentenabhängig“ zeichnet werden. Freilandhaltung mit Risiko Ein unkalkulierbares Risiko für den Geflügelhalter in der Freilandhaltung ist neben der Bedrohung durch Raubtiere (Füchse, Raubvögel) der Eintrag von Krankheitserregern wie Salmonellen, Pasteurellen, Wurmeiern, Toxoplasmen und Coccidien (einzellige Parasiten) durch Tauben, Möwen, Wassergeflügel, Spatzen, Regenwürmern, Käfern, Schnecken, Katzen, Ratten und Mäusen Als typische Erkrankungen der Bodenhaltung werden Botulismus, Hautentzündungen, Salmonellosen, Fußballengeschwüre, Parasitosen und Bindehautentzündungen durch hohe Ammoniakgehalte in Stallbodennähe beschrieben. Da es unmöglich ist, den Auslauf zu desinfizieren, muß jederzeit mit dem Aufflackern dieser Erkrankungen bzw. mit einer Reinfektion z.B. mit Salmonellen gerechnet werden. Eine Reihe von Erkrankungen wie die Geflügeltuberkulose, Cholera (Pasteurella multocida, fakultativ humanpathogen) und Rotlauf treten nur noch in der Auslaufhaltung auf. Durch die erhöhte Krankheitsanfälligkeit sind Auslaufhaltungen auch ein Infektionsrisiko für Wildvogelpopulationen. Kannibalismus Deutlich häufiger als in der Intensivhaltung werden Kannibalismus und Federpicken beobachtet. Um Kannibalismus vorzubeugen, werden den Hennen in Bodenhaltung der Schnabel gekürzt, was wiederum von Tierschützern heftigst kritisiert wird. Erst kürzlich wurde über eine Auslaufhaltung von 5000 Hennen berichtet, bei der durch den Verzicht auf das Schnabelkürzen täglich 60 - 70 Hennen durch Kannibalismus zu Tode kommen. Als Auslöser werden unter anderem Juckreiz und Hauterkrankungen genannt, die in der Auslauf - und Bodenhaltung deutlich häufiger auftreten als in intensiven Haltungssystemen. Die oft komplizierte Gestaltung alternativer Haltungssysteme erschwert die Bekämpfung von Milben. Die fehlende Erfahrung der Besitzer in neuen, kleinen Beständen kann auch eine Rolle spielen. Der Verzicht auf Tiermehl (vegetarische Ernährung) bei der Fütterung von Legehennen in der Schweiz, hat zu einem sprunghaften Anstieg von Kannibalismusfällen geführt. „Hühnermüdigkeit“ Trotz sorgfältiger Pflege des Auslaufes droht „Hühnermüdigkeit“, die durch Wechsel des Auslaufes und Arzneimitteleinsatz, der dann zwangsläufig zu Arzneimittelrückständen in Eiern führt, gemindert werden kann. Unter Praxisbedingungen werden nach mehrjähriger Nutzung einer Auslaufhaltung trotz intensivem Arzneimitteleinsatzes Tierverluste von mehr als 30 % (!) berichtet. Wissenschaftler aus der Schweiz, wo die Käfighaltung seit den 01.01.92 verboten ist, berichten von einer Verdreifachung der Tierverluste im Auslauf. Auch Biobetriebe sind vor Atemwegsinfektionen, Coccidien und Tierverlusten nicht gefeit. So beklagte man auf der 3. Wissenschaftstagung zum ökologischen Landbau im Januar 1995 in Kiel Tierverluste durch Coccidien von bis zu 50% (!) und den „nicht richtliniengemäßen“ Einsatz von Coccidiostatica bei Bio - Hühnern. Wirklich umweltfreundlich ? Auch bei der Umweltfreundlichkeit sind Zweifel angebracht. Durch das ständige Scharren in der Einstreu und im Auslauf wird das Bodenmaterial ständig umgeschichtet, Luftsauerstoff kann hinzutreten, Ammoniak entweicht, da der Kot im Auslauf sehr feucht (Regen) ist und so eine Diffusion des Ammoniak erleichtert wird. Nach neueren Untersuchungen erhöht sich im Vergleich zur Batteriehaltung in der Bodenhaltung die Stickstoffemissionen um das Vierfache. Ein beachtlicher Teil dieser Stickstoffverluste geht als Lachgas in die Atmosphäre, wo es die Ozonschicht schädigt. Schadgase, Pilze, Bakterien und Endotoxine, Schadstoffe, die für Allergien und Bronchitis bei Arbeitern und Anwohnern von Geflügelhaltungen verantwortlich gemacht werden, treten in Bodenhaltung in deutlich höheren Konzentrationen.
* KBE = koloniebildende Einheiten
* KBE = koloniebildende Einheiten In der Auslaufhaltung sind die Exkremente der Hühner gänzlich unkontrollierbar. Da die Tiere auch bei größerem Flächenangebot nur 3 bis 4 m2 nutzen und so ihren Kot nicht gleichmäßig über den Auslauf verteilen, finden sich insbesondere in Stallnähe Areale, die völlig kotverätzt sind. Von hier aus versickert der Kot im Boden (Grundwasser!) oder gelangt mit dem nächsten Regen in den nächsten Bach. Auch bei Mastschweinen in Weidehaltung wird ein Eintrag von Phosphaten und Stickstoffverbindungen in tiefere Bodenschichten beobachtet. Hingegen kann der Gesetzgeber über die Düngeverordnung die Ausbringung des Kotes in der Intensiv - und Bodenhaltung regulieren. Mehr Futter und Exkremente pro Ei Durch die ausgiebige Bewegung und ungeregelte Stall- bzw. Umgebungstemperaturen temperaturen entsteht in der Auslaufhaltung pro produziertem Ei ein Futtermehrbedarf von etwa 20% und hieraus resultierend ein Mehrbedarf an Fremdenergie z.B. für die Futterherstellung und einen um 20% erhöhten Flächenbedarf für die notwendige Mehrproduktion an Futter. Die niedrige Leistung schlägt sich auch in relativ höheren Stickstoff - und Phosphoremissionen in Kot nieder, was die Ökobilanz zusätzlich belastet. Der Aufwuchs (Gras, Kraut) im Auslauf, der durch die Überdümgung durch den Hühnerkot in seiner Zusammensetzung verändert oder mehr oder weniger volständig weggeätzt wird, hat für die Ernährung der Tiere keine Bedeutung. Käfer und Regenwürmer, die auf dem Speiseplan stehen sind eher ein Gesundheitsrisiko (siehe oben) als kalkulierbare Proteinquelle für die Tiere. Flächenverbrauch Stünde jeder Legehenne entsprechend der geplanten EU - Ökoverordnung 10 Quadratmeter Auslauf zur Verfügung, ließe sich der Krankheitsdruck etwas senken. Aber auf alle deutschen Hennen hochgerechnet, wären Schleswig - Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg - Vorpommern und Hamburg ein riesiger Hühnerhof. Hierzu kämen noch Ackerflächen für den Getreide - und Futteranbau. Da im ökologischen Landbau z.B. beim Weizen im Vergleich zum konventionellen Landbau mit um 40% geringeren Hektaerträgen gerechnet werden muß, entstünde durch die ökologisch bewirtschafteten Ackerflächen ein entsprechend größerer Flächenverbrauch. Aber wohin mit den Menschen, Wäldern, Naherholungsgebieten, schützenswerten Feuchtbiotopen? Wo in Zukunft Industriegüter, nachwachsende Rohstoffe und andere Lebensmittel produzieren? Besserer Geschmack? Bei einem Eiertestessen, welches vom WDR und der Landwirtschaftskammer Rheinland veranstaltet wurde, schnitten Käfigeier im Vergleich zu Eiern aus der Auslaufhaltung geschmacklich und bei den Kriterien Schalenqualität, Dotterfarbe und Beschaffenheit des Eiklars deutlich besser ab. Offensichtlich hat die Haltungsform kaum einen Einfluß auf Qualität und Geschmack. Sind Ökoeier gesünder?Nach Untersuchungen des Institutes für Kleintierzucht in Celle ist der Verschmutzungsgrad bei Eischalen aus der Freilandhaltung etwa fünfmal so hoch wie bei Eiern aus der Käfighaltung. Noch krasser ist der hygienische Unterschied bei den Keimzahlen: Während Käfigeier mit bis zu 240 coliformen Keimen behaftet sind, erreichen Eier aus der Bodenhaltung 4,7 Millionen Keime. Freilandeier gelangten in dieser Untersuchung mit bis zu 8,2 Millionen coliformen Keimen pro Ei unangefochten auf den Spitzenplatz. Eine hohe Keimbesiedelung der Schalenoberfläche führt auch zu einer Keimbesiedlung von Eiweiß und Dotter (Tabelle 1).
Dies belegt, daß die Bevorzugung von Eiern aus Freiland - und Bodenhaltung aus Hygiene - und Gesundheitsgründen nicht haltbar ist. Prof. Siegmann vom Institut für Geflügel der tierärztlichen Hochschule Hannover urteilt in einem Fachbuch: „Der Käufer von Freilandeiern erhält für einen höheren Preis eine lebensmittelhygienisch schlechtere Qualität“. Die Bodenhaltung wirkt sich im Bezug auf die Salmonellenbekämpfung nachteilig aus. Rund zwei Drittel der wegen Salmonellenbefall gereinigten und desinfizierten Betriebe (in der Schweiz) mußten bei der Schlußkontrolle bemängelt werden, da immer noch Salmonellen gefunden wurden. Alte Ställe lassen sich kaum mit vernünftigem Aufwand desinfizieren. Wie sicher sind Ökoeier? Das die beliebten Ökoeier zumeist in Kleinbetrieben unter 250 Tieren produziert werden, unterliegen diese Betriebe in der Bundesrepublik nicht der Hühner - Salmonellen - Verordnung. Somit entfallen für diese Kleinbetriebe die Impfpflicht gegen Salmonellen nach § 2, die betriebseigenen Kontrollen nach § 3, die Mitteilungspflicht an die Behörden nach § 4, die amtlichen Untersuchungen nach § 5 und die behördlichen Schutz - und Hygienemaßnahmen nach §§ 6 - 10 nach der Hühner - Salmonellen - Verordnung. Somit sind kleine Auslaufhaltungen Risikohaltungen! Nach einer Schweizer Untersuchungen stellen einmal mit Salmonellen infizierte Freilandlegehennen eine andauernde Verbrauchergefährdung da, da diese Tiere die Infektion nicht überwinden und immer wieder Eier legen, die mit Salmonellen belastet sind. Insbesondere bei „verlegten Eiern“, die erst nach einigen Tagen gefunden werden, kommt es insbesondere bei warmem Sommerwetter zu einer Massenvermehrung von Salmonellen, die dann auch in das Eiinnere gelangen können. Arzneimittelrecycling Weitere Probleme ergeben sich dadurch, daß Arzneimittel mit dem Kot oder auch direkt in die Einstreu oder den Auslauf gelangen. Mit dem Scharren und Picken nehmen die Hühner Arzneimittelreste wieder auf. So können Arzneimittelrückstände noch nach Wochen nachgewiesen werden (Tabelle 2). Es treten auch Rückstände bei Tieren auf, die nicht einer Behandlung unterworfen wurden, da diese Tiere ebenso ungewollt Arzneimittelreste aus der Einstreu aufnehmen. Da die Wartezeiten für Arzneimittel durch Versuche an Batteriehennen festgelegt wurden, dürften die Arzneimittelwartezeiten in der Boden - und Auslaufhaltung durch den „Recyclingeffekt“ völlig unzureichend sein und müssen für diese Haltungsform neu festgelegt werden. Ob Antibiotikarückstände in Lebensmitteln (Eiern) in der Darmflora des Konsumenten resistente Bakterien erzeugen können, ist bisher nicht eindeutig belegt. Einige wenige Versuche mit Versuchspersonen und Versuchstieren brachten bisher keine eindeutigen Ergebnisse. Wenn Parasiten und Krankheitserreger immer wieder mit Arzneimittelmengen, die unterhalb einer therapeutisch wirksamen Konzentration liegen, in Kontakt kommen, ist eine Resistenzbildung bei Bakterien (Salmonellen), Würmern und Coccidien vorprogrammiert.
Reinen Wein einschenken! Da viele Konsumenten und Verbraucherschützer völlig vom Landleben entfremdet sind und eine Vorstellung von Landwirtschaft haben, die eher an „science fiktion“ oder „Disneyland“ erinnert, sind viele von ihnen der Mogelpackung von den „gesunden Eiern von glücklichen Hühnern“ aufgesessen. Freilandeier werden mystifiziert und gelten als „gesund. Um dieser Logik zu folgen, wird - oft in Unkenntnis der tatsächlichen Risiken - auf einfachste Hygienemaßnahmen verzichtet, die sich über Generationen aus der Erfahrung mit Lebensmittelrisiken entwickelt haben. Eine seriöse Verbraucherberatung muß auf bestehende Rückstands - und Hygienerisiken hinweisen, so daß sich insbesondere empfindliche und infektionsgefährdete Risikogruppen, die ganz bewußt die angeblich so „gesunden Freilandeier“ bevorzugen (Rheumatiker, Diabetiker, Transplantierte, alte Menschen, HIV-Infizierte, Kleinkinder), durch einen hygienischen Umgang mit Eiern schützen können.FazitKompromisse bei der Hennenhaltung und ein reduzierter Eierkonsum sind unausweichlich. Ob aber die vielen kleinen Hennenhalter die hohen Investitionskosten in eine technisch komplizierte und aufwendige Volierenhaltung verkraften können uns wollen, ist mehr als fraglich. Der Konsument muß in Zukunft aus Gründen des Tierschutzes eine qualifizierte Versorgung der Tiere mit modernen Arzneimitteln und eine damit verbundene höhere Belastung mit Rückständen akzeptieren. Unkalkulierbar aber ist das Verbraucherverhalten. Er dürfte bei sinkenden Realeinkommen und mehr als 4 Millionen Arbeitslosen eher das 19 - Pfennig - Ei von Aldi kaufen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| © Copyright 1996 by EU.L.E. |
|---|