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Magersucht: die Jagd nach der körpereigenen Droge
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Huebner, HF: Endorphins, eating disorders and other addictive behaviors. Norton & Company, New York 1993 Hans Huebner, Psychiater an der Medizinischen Hochschule der Cornell Universität, erkannte bereits 1977, daß das Selbst-Aushungern bei Magersucht nicht alleine mit den gängigen psychologischen Theorien erklärt werden konnte. Bei der Suche nach biochemischen Parametern fielen ihm die erhöhten Werte für die Hormone ACTH und Cortisol auf. Die ACTH-stimulierte Cortisolausschüttung der Nebennierenrinde ist Teil der Streßantwort des Körpers. ACTH steht in engem Zusammenhang mit den Endorphinen, den körpereigenen Opiaten, die der Schmerzunterdrückung dienen. ACTH und Endorphine werden aus demselben Vorläuferprotein abgespalten, dem Pro-Opiomelanocortin (POMC). Endorphine dämpfen nicht nur Schmerzen, sie senken auch die Körpertemperatur, den Puls, den Blutdruck und verlangsamen die Atmung - alles Symptome der Anorexie. Sie beeinflussen die Hormone LH, FSH, GH, Prolactin, TSH und ADH in gleicher Weise wie Morphin. Auch bei Magersüchtigen sind LH und FSH erniedrigt, Cortisol und GH erhöht. Der Endorphin-Blocker Naloxon, der zur Behandlung von Heroin-Überdosen eingesetzt wird, hob die Effekte auf. Damit ist Anorexie eine echte Suchtkrankheit. In Versuchen mit Magersüchtigen fiel auf, daß sie bei einer Behandlung mit Naloxon seltsam traurig, weinerlich und wehrlos wurden, sie verloren sogar etwas ihre Furcht vor dem Essen. Offenbar fielen sie in einen depressiven Zustand, sobald die Endorphinwirkung durch das Medikament abgeblockt wurde. Jetzt war endlich klar, welchen Nutzen die Sucht für die Betroffenen hat: Das Hungern verschafft ihnen die Endorphinausschüttung, die ihre Depressionen und Ängste bekämpft. Die Endorphine passen darüber hinaus die Hormone und die Körperfunktionen an das spärliche Nahrungsangebot an. Und weil Endorphine süchtig machen, müssen Anorexie-Patienten immer weiter hungern, selbst wenn der Körper schon völlig ausgemergelt ist. Wer durch Diäten zum ersten Mal in Kontakt mit der Droge „Hunger" kommt, läuft Gefahr, abhängig zu werden - vor allem in labilen Phasen wie der Pubertät. Die Therapie Magersüchtiger erfordert einen regelrechten Entzug. Die Betroffenen müssen wissen, daß sie körperlich abhängig sind und daß sie (mühsam) lernen müssen, ohne ihre Droge zu leben. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen sowie die psychologische Aufarbeitung individueller und familiärer Probleme sind dabei hilfreich, sie sind jedoch nur ein Teil der Therapie.
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