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Editorial - Olivenöl: Praxis contra Theorie
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Im Grunde ist die Ernährung der Menschen eine stete Provokation für Ernährungswissenschaftler. Typisches Beispiel: die Mittelmeerkost. Sie sorgt für ein gesundes Herz, enthält aber dummerweise so ziemlich alles, was die Zunft der Eßexperten ihrer Klientel zu vermiesen trachtet: Als Aperitiv ein, zwei Gläschen Pastis oder Ouzo. Schon kommt die Vorspeise - nicht etwa eine große Schüssel rohen Salates, sondern eine deftige Zwiebelsuppe, überbacken mit cholesterinhaltigem Käse. Als Hauptgericht gibt es fettes Fleisch vom Grill. Das Gemüse schwimmt in der griechischen Taverne seit Stunden völlig zerkocht im Fett, noch dazu kräftig gesalzen und anrüchig nach Knoblauch duftend. Und ohne einen kräftigen Schluck Retsina oder Beaujolais wagt man in den Mittelmeerländern nicht von Eßkultur zu sprechen. Wo rohe Kräfte sinnlos walten
Bisher galt der hohe ß-Carotingehalt gerade des rohen Gemüses als besonders gesundheitsfördernd. Davon müssen wir wohl Abstand nehmen. Zwei große prospektive Studien erbrachten bei denen, die ß-Carotin als Pille schluckten, eine Zunahme von Krebs und Herzinfarkt (siehe EU.L.E.n-Spiegel 2/95). Der Widerspruch läßt sich leicht auflösen: Beim Kochen entsteht aus den Carotinoiden ß-Ionon, das in der Tat in den Cholesterinstoffwechsel eingreifen kann. Theorien in Öl
Eine zentrale Rolle in der Küche des Mittelmeerraumes spielt das Olivenöl. Sein gesundheitlicher Wert wird gewöhnlich mit der Zusammensetzung der Fettsäuren erklärt: Das Olivenöl enthalte die besonders gesunden einfach ungesättigten Fettsäuren. Für den, der die Diskussion der letzten Jahrzehnte verfolgt hat, ein merkwürdiges Argument. Denn bisher galten die mehrfach ungesättigten Fettsäuren als Born der Gesundheit, die gesättigten als schädlich und die einfach ungesättigten als wertlos. Damit war Olivenöl im Gegensatz zur Margarine unbrauchbar. Ein Blick in die Fachliteratur zeigt, daß dies bis vor wenigen Jahren als unstrittig bewiesen galt. Nun ist das alles nicht mehr wahr - jetzt sinkt mit zunehmenden Olivenöl-Konsum die Infarktrate. Hier entpuppt sich eine Wissenschaft als Boutique für Modetheorien, bei der sich die Wirtschaft nach eigenem Gusto bedient. Udo Pollmer
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