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Editorial - Mit der Windhund-Diät zum Wunsch-Charakter
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Kennen Sie noch irgendein gesundheitliches Problem, das sich nicht durch die "richtige Ernährung" verhüten ließe? Die wertvollen Spurenstoffe des vollen Kornes schützen uns vor Zivilisationskrankheiten aller Art, gegen Osteoporose hilft ein Glas Milch, bei Schulversagen Glutamat, Margarine trotzt dem Infarkt und das Jodsalz in den AOK-Würstchen dem Kretinismus. Gewußt wie! Schon werden Eier angeboten mit den wertvollen Fettsäuren des Fisches. Die Hühner erhalten eine spezielle Algendiät, die bis ins Dotter durchschlägt. Die Idee ist nicht neu. Schon einmal wurde dem Federvieh Fischmehl gefüttert, vermutlich mit dem gleichen Resultat, jedoch ohne Aufpreis. Alsbald werden Fische Hühnerfutter fressen, damit die wichtigen Spurenstoffe des Ostereies auch im Silvesterkarpfen enthalten sind. Aber all das wird nichts nützen. Dann schlägt die Stunde der "Orthomolekularen Medizin", der die Dosierungen in gewöhnlichen Speisen viel zu niedrig sind, als daß man davon gesund bleiben könnte. Und weil sich Mutter Natur so sträflich vertat, brauchen wir die Megadosen aus der Apotheke. Vitaminpillen glätten Ihre in Ehren erworbenen Falten, stärken Ihr Immunsystem und lassen auf Wunsch Unsportlichkeit, Impotenz oder Haarspitzenkatarrh schwinden. Während der Stern der Vitamine nach den verheerenden Ergebnissen der jüngsten prospektiven Studien sinkt, erlebt jetzt ein Hormon einen kometenhaften Aufstieg: das Melatonin. Es hilft nicht nur gegen das ganz gewöhnliche Altern, Alzheimer und Schnupfen, sondern auch - Sie haben es geahnt - gegen Krebs und AIDS. Und bei allem, was "natürlich" und "gesund" ist, ist jede Vorsicht fehl am Platz. Viel hilft viel. Victor Herbert, einer der bedeutendsten Vitaminforscher, von der Medizinischen Hochschule Mount Sinai in New York, forderte für all diese Präparate folgenden Aufdruck: "Physiologische Mengen von Supplementen helfen manchen Menschen, schaden anderen und sind bei den meisten wirkungslos. Wegen ihrer potentiellen Schädlichkeit sollten Dosen, die über der empfohlenen Tagesmenge liegen, nur auf Anraten eines Arztes eingenommen werden." Manch einer will diese simple Erkenntnis nicht wahrhaben. Die ersten Berichte über Todesfälle durch Megadosen von Vitamin C liegen bereits vor. Schließlich wirken hochdosierte Antioxidantien prooxidativ (EU.L.E.n-Spiegel 2/95). Dann wandelt Vitamin C das Fe3+ in riskantes Fe2+ um, dies verläßt das schützende Ferritin und erzeugt Milliarden freier Radikale, die schließlich zum Herzmuskelschaden führen. Auch Supplemente wie Tryptophan riefen schwerste Krankheitsbilder hervor (EU.L.E.n-Spiegel 5/96), was nicht am Tryptophan selbst lag, sondern an einem noch nicht ganz verstandenen Herstellungsfehler. Wieviele Syntheseprobleme kommen noch auf uns zu? Würden sich die Werbeaussagen bestätigen, stünde uns eine Gesellschaft von unsterblichen, euphorisierten Lümmeln bevor, die gelegentlich zur Aktivierung ihres jugendlichen Großhirns an einem multifunktionalen Pausenriegel lecken. Die ultimative Diät gegen Dummheit ist tatsächlich schon auf dem Markt: "Brain Food". Gegen Charakterschwächen fehlt sie noch. Vielleicht haben unserer Ernährungspsychologen diese Marktlücke schon im Visier, z.B. einen flinken Ratgeber im Westentaschenformat: "Die Windhund-Diät zum Wunschcharakter - Das Expertenprogramm mit großem Psychotest und schmackhaften Supplementen". Wohl bekomm´s! Udo Pollmer
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