[BACK]  [BACK WIDE]  [HOME]  [FORWARD] Melatonin-Wahnsinn [EU.L.E. HOME]

In den USA ist er bereits weit verbreitet, und auch hierzulande fragen wir Ärzte uns, ob wir schon wieder ein neues Krankheitsbild in unseren Wortschatz aufnehmen müssen. Wohl kaum, denn es geht mal wieder um etwas, das so alt wie unsere Spezies ist: der Wunsch nach einem Allheilmittel. Was haben wir nicht schon alles kommen und gehen sehen: Die unterschiedlichsten Vitamine, Spurenelemente und Naturheilmittel in Dosen bis zu mehreren Gramm am Tag. Und jetzt, als dernier cri: das Neurohormon Melatonin.

Ein schwarzes Loch

Ausgelöst durch Veröffentlichungen in den USA wurde das Hormon Melatonin auch in Europa zum Medienstar: als das Allheil-, Anti-Alterungs- und Potenzsteigerungsmittel, das eigentlich jeder spätestens ab 40 einnehmen müsse. Daß der Mensch kein exogenes Melatonin braucht und daß auch die in einigen wissenschaftlichen Publikationen dem Neurohormon zugeschriebenen Wirkungen hochspekulativ sind, ficht die Melatonin-Vertreter keineswegs an. Genausowenig, daß ein Teil genau dieser Studien auf massive Kritik ob ihres fehlerhaften Designs und ihrer mangelnden Übertragbarkeit auf den Menschen gestoßen ist. Auch werden die völlig unzureichend erforschten Wechsel- und Nebenwirkungen ebenso wie die fehlende Toxikologie als vernachlässigbar heruntergespielt - schließlich ist es ein "Naturstoff".
Aus den bisher vorliegenden Studien gehen den Werbeaussagen diametral entgegengesetzte Wirkungen der Supplemente hervor. So ist es offenbar mit der angeblich so positiven Wirkung aufs Sexlife nicht weit her, da sowohl männliche wie weibliche Fertilität unter Melatonin deutlich abnehmen und es sogar zu einer Hodenatrophie führen kann. Auch ein reklamierter anticancerogener Effekt ist bei in-vivo-Untersuchungen nicht bestätigt worden. Bei Hamstern stimulierten die Melatoningaben sogar das Melanomwachstum. Und da Melatonin schläfrig macht, ist es künftig sicher sinnvoll, Unfallbeteiligte immer auch nach einer Melatonin-Einnahme zu fragen.

Freiwilliger, gewinnschöpfender Massenversuch Bis heute wird ein möglicher medizinischer Nutzen von Melatonin lediglich bei Schlafstörungen und bei Störungen des circadianen Rhythmus (Schichtarbeit und Jet lag) postuliert, wobei auch hier die unbedenkliche Dosis bislang nicht ermittelt ist. Dazu müßten die bekannten umfangreichen Studien für eine Zulassung als Medikament durchlaufen werden. Hier haben die Melatonin-Befürworter allerdings wirklich etwas Neues entdeckt: In den USA können sie kaum ausreichende Mengen des von den Verbrauchern verlangten Neurohormons liefern und bekommen von den Teilnehmern an diesem Massen-Forschungsprogramm auch noch viel Geld bezahlt. Das ist doch hoffentlich nicht die Lösung für die immer wieder von der hiesigen Pharmaindustrie beklagten hohen Kosten bei der Zulassung neuer Medikamente? Und noch etwas ist neu: Das hiesige Verbot des Melatonins ist leicht zu umgehen. Nicht nur der Reiseverkehr nach Amerika sorgt für Nachschub, über das Internet kann jeder direkt beim Hersteller ordern.



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