[BACK]  [BACK WIDE]  [HOME]  [FORWARD] Editorial    -    Glanz und Elend der Prävention: Vitamin-D-Prophylaxe [EU.L.E. HOME]

Der Triumph war phänomenal: Die Stoßtherapie mit Vitamin D brachte die gefürchtete Rachitis zum Erlöschen und ging damit in die Medizingeschichte ein. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Leider verstellte der durchschlagende Erfolg über viele Jahre den Blick für akute Vergiftungen: die Hypercalcinosen mit Verkalkungen der weichen Gewebe und Entkalkung der Knochen - ein Krankheitsbild, das auf den ersten Blick der Rachitis ähnelt. Aufgrund dieser Gefahren mußte die Stoßprophylaxe inzwischen aufgegeben werden.

Potentes Rattengift

Eine Substanz, die in so niedrigen Dosen so giftig ist, hatten die Schädlingsbekämpfer schon lange gesucht: Vitamin D ist bis heute das einzige Mittel, gegen das Mäuse und Ratten noch keine Resistenz entwikkeln konnten. Mit seinem Einsatz nahmen aber die Vergiftungen bei Haustieren und Menschen durch den versehentlichen Verzehr von Ködern zu. Bei der Suche nach einem wirksamen Antidot gab es die nächste Überraschung: Das Mittel, das eigentlich wirksam sein müßte, ein Glucocorticoid, verhindert die Entgiftung. Zumindest bei Versuchstieren ist es kontraindiziert. Wirksam ist vielmehr ein Antibiotikum, das Chloramphenicol. Woraus wir schließen dürfen, daß es lohnenswert wäre, die Folgen der Antibiotikagaben an Kinder einmal im Hinblick auf den Vitamin-D-Hormonhaushalt zu verfolgen.

Arteriosklerose durch Vitamin D

Akute Schäden sind seit der heute üblichen täglichen Gabe von 500 IE Vitamin D weitgehend verschwunden. Bleibt die Frage nach den chronischen Effekten. Denn in Sachen Calciumhaushalt gibt es neben Rachitis ja noch ein paar Störungen, für die sich die moderne Präventivmedizin brennend interessiert: z.B. Kalkablagerungen in den Gefäßen. Vor 20 Jahren postulierte Kummerow bei Amerikanern einen Zusammenhang zwischen der Arteriosklerose und der Vitamin-D-Prophylaxe. In den USA liegt die Calciferol-Zufuhr höher als in Deutschland, da dort auch die Milch angereichert wird. Das soll der Rachitisgefahr vor allem bei der dunkelhäutigen Bevölkerung in den sonnenarmen nördlichen Landesteilen vorbeugen. Allerdings leidet diese Personengruppe häufig an Lactoseintoleranz und verträgt keine Milch.
Dieselben Vitamin-D-Spiegel, die man bei Amerikanern findet, führen im Tierversuch - beim Schwein - zu den von Kummerow vermuteten Nebenwirkungen. Noch eine Theorie zur Entstehung der Arteriosklerose? Im Gegenteil: Vitamin D besitzt eine verblüffende strukturelle Ähnlichkeit mit Oxycholesterin, das stark angiotoxisch wirkt und für die schädigende Wirkung des "Cholesterins" verantwortlich gemacht wird. Womöglich liefert Vitamin D den Schlüssel zum Verständnis der Oxycholesterinwirkung.

Risikofaktor Überfluss

Warum interessiert sich alle Welt in einer Überflußgesellschaft nur für den Mangel? Können Alterskrankheiten wie Osteoporose nicht auch durch einen Überschuß in der Kindheit gefördert werden? Niemand kann sich damit herausreden, der Nutzen überwöge den Schaden. Wer hat sich die Mühe gemacht, den Schaden zu quantifizieren? Während der Fettverzehr und der Bildungsgrad der Großeltern mit Akribie erhoben werden, fragt niemand nach den in der Kindheit genossenen präventivmedizinischen Maßnahmen. Es wäre doch sehr beruhigend, endlich schwarz auf weiß zu erfahren: Es hat vielen genutzt - und auf lange Sicht nur wenigen geschadet.

Udo Pollmer



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