[BACK]  [BACK WIDE]  [HOME]  [FORWARD] Editorial    -    Analytisches Roulette [EU.L.E. HOME]

Lebensmittelchemiker können verschwiegen sein wie ein Grab. Sie alle teilen ein tragisches Geheimnis: Ihre Analysen täuschen erheblich niedrigere Rückstandsbelastungen vor als tatsächlich vorhanden sind.
Nein, es geht nicht um die unvermeidlichen Meßfehler, die aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts erst im nachhinein erkannt werden können, es geht auch nicht darum, daß man nur den Stoff findet, den man sucht und schon gar nicht um mutwillige Manipulationen der gemessenen Daten. Es geht um "gebundene Rückstände" - so die interne Bezeichnung für einen analytischen Skandal ersten Ranges.

Gefahrgut muß "fixiert" werden

Ob Pflanze, Tier oder Mensch, kein Organismus kann es sich leisten, gefährliche Substanzen wie Pestizide oder Arzneimittel einfach so durch die Zellen spazieren zu lassen. Sie werden vielmehr möglichst schnell abtransportiert und kovalent gebunden - beispielsweise an Biopolymere wie Lignin oder Cutin. Mit unangenehmen Folgen für den Analytiker: Die Stoffe lassen sich nicht mehr "extrahieren"; sie sind mit anderen Verbindungen untrennbar verknüpft und können nicht mehr "heruntergewaschen" werden. Mit andern Worten: Er findet sie nicht mehr. Da nützen weder Lösungsmittel noch Ultraschall: Sie sind für die klassischen Methoden "unsichtbar". Wie hoch die Gehalte auch sein mögen, die "Bindung" schützt sie vor der Erkennung durch den Chemiker.
Mit dem "Binden" riskanter Stoffe durch die Pflanze sinkt logischerweise der Gehalt an "freien" Rückständen - und die werden mit bewundernswerter Präzision gemessen. So entsteht der Eindruck, Pestizide und Arzneimittelrückstände würden ziemlich schnell aus Nahrung wie Umwelt "verschwinden".

Verschwiegenheit ist keine Zier

Alle wissen es - die meisten Kollegen schweigen. Verschweigen, daß sie gegen teures Geld präzise den Anteil eines Stoffes bestimmen, auf den es womöglich gar nicht ankommt. Die tatsächliche Belastung liegt weit höher, als gemessen. Lägen die Dinge andersherum - wäre die tatsächliche Belastung erheblich niedriger als die Chemiker meinen - würden die Standesorganisationen mit Sicherheit zur "Eile" mahnen, um diesen "unerträglichen Mißstand" abzustellen. Und die Chemiewirtschaft würde sicher nicht zögern, Chemiekritikern und der Presse Verantwortungslosigkeit und "das Geschäft mit der Angst" vorzuwerfen.

Biokost rehabilitiert

Aus Versuchen mit radioaktiv markierten Wirkstoffen wissen wir, daß es völlig normal ist, wenn ein Vielfaches dessen im Lebensmittel vorhanden ist, was der Chemiker mit seinen Methoden findet. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob diese gebundenen Rückstände überhaupt bioverfügbar sind? Sie sind. Von Versuchstieren wird in aller Regel ein Großteil der Radioaktivität über den Urin ausgeschieden bzw. in den Organen deponiert. Damit erklärt sich auch, warum bei Fütterungsversuchen angeblich "sichere" Rückstandsgehalte mit toxischen Effekten verbunden waren.
Das alles zwingt zu zwei provokativen Gedanken:
Die Festlegung der Höchstmengen läßt gebundene Rückstände gewöhnlich außen vor. Diese Grenzwerte sind damit ein Vabanquespiel mit unserer Gesundheit.
Es drängt sich der Eindruck auf, daß biologische Lebensmittel deutlich geringer belastet sind als konventionelle.

Udo Pollmer



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