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Editorial - Gewürze, Kriege und Süchte
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Der Mensch ist das einzige Tier, dem ungewürzte Speisen widerstehen. Jahrtausende waren exotische Gewürze unendlich viel teurer als die Nahrung selbst. Warum weckt gerade das, was ohne jeden Nährwert ist, unsere Begierde? Weil es dann besser schmeckt? Das erklärt nichts, denn die Natur tut nichts umsonst. Opium für´s Volk
Das teuerste Gewürz ist seit alters der Safran. Merkwürdig: Trotz des hohen Preises ist sein Aroma nur gering ausgeprägt. Sein Geruch erinnert eher an eine Apotheke als an Delikatessen. Aber warum wurden zu allen Zeiten und bei allen Völkern horrende Summen für dieses fade "Gewürz" bezahlt? Die Macht der "Religion"
Heute wird die Bedeutung der Gewürze oft unterschätzt. Im Mittelalter konsumierten die Menschen etwa 100mal mehr als wir. Und die Europäer zahlten Mondpreise für ihre exotischen Drogen. Ärgerlich nur, daß der gesamte Gewürzhandel fest in türkischen und arabischen Händen lag. Keinem christlichen Schiff war die Fahrt auf dem Roten Meer gestattet, keinem Händler auch nur die Durchreise. Zwar gelang den Kreuzfahrern die Gründung eigener Staaten in der Levante. Aber den sagenumwobenen ostasiatischen "Gewürzinseln" waren sie praktisch nicht nähergekommen. Der wirtschaftliche Erfolg der Kreuzzüge war eher bescheiden: Die Araber kontrollierten weiterhin Handel und Preise, Europa hatte nach wie vor keine gleichwertigen Tauschwaren und die "christlichen" Staaten verschwanden irgendwann lautlos von der Landkarte. Angesichts des steten finanziellen Aderlasses mußte ein billigerer Weg gefunden werden, sich der Gewürze zu bemächtigen. Der erste, der es wagte, den Islam zu "umschiffen", war Christoph Columbus. Doch er verfehlte sein Ziel und suchte auf den neuentdeckten "Westindischen Inseln" vergeblich nach den begehrten Würzpflanzen. Erfolgreicher war Vasco da Gama. 1499 kehrte er aus Indien mit einer ersten Ladung Pfeffer zurück. In den folgenden Jahren durchbrachen portugiesische Schiffe das bis dahin bestehende arabisch-venezianische Handelsmonopol und alsbald lieferten sich die seefahrenden Nationen Europas blutige Gewürz- bzw. Drogenkriege rund um den Globus. Die neuen Drogen Trugen die Portugiesen die Kosten für die Entdeckung, so jagten ihnen alsbald die Holländer das Geschäft ab. Sie monopolisierten den Muskatanbau, der fast so wichtig wie Pfeffer war. Zuletzt gewannen die Briten die Kolonialkriege um die Gewürze. Aber da hatte der Preisverfall bereits begonnen. Die Ironie der Geschichte will es, daß die heißbegehrten und umkämpften Gewürze ausgerechnet durch jene Produkte abgelöst wurden, die bei der Jagd nach den Gewürzen quasi "nebenbei" angefallen waren: durch Tabak, Kaffee, Tee und Kakao. Sie wirken schneller und sicherer. Und ihre Ernte ist leichter als etwa das mühsame Zupfen der Safranfäden aus den Krokusblüten. Udo Pollmer
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