[BACK]  [BACK WIDE]  [HOME]  [FORWARD] Editorial    -    Fett-Ersatz: ein teurer Flop [EU.L.E. HOME]

"Essen ohne dick zu werden" und "Genuß ohne Reue" - wer würde davon nicht träumen? Pseudofette lassen die Erfüllung dieses Traumes in greifbare Nähe rücken: Sie sorgen für den geschätzten sahnigen Geschmack, liefern dabei aber kaum oder keine Kalorien. Ruhigen Gewissens, so scheint es, können wir nun kalorienarme Eiscreme schlemmen, "leichte", aber vollmundige Desserts und Halbfettkäse mit Geschmack genießen. Doch wer diesen Illusionen traut, muß auf Überraschungen gefaßt sein.

Imitate täuschen den Gaumen ...

... aber nicht unseren Körper. Der merkt recht schnell, wenn die Energiezufuhr sinkt, und steuert gegen, wie die letzten 10 Jahre Appetitforschung gezeigt haben. Studien der Hersteller bestätigen, daß Fettersatzstoffe keineswegs zu einer Gewichtsabnahme führen. Die Versuchstiere fressen einfach mehr, um ihr Gewicht zu halten. Schlimmer noch: In einem Experiment von Kraft General Foods wurden die Ratten umso dicker, je mehr kalorienarmes, mikropartikuliertes Eiweiß ins Futter kam. Ebenso erging es den Hunden des Wettbewerbers Procter & Gamble: Bei Zulagen von 10% seines kalorienfreien Pseudofettes Olestra reagierten die Tiere mit einem Gewichtsanstieg. Studien an Kindern, denen man kalorienarmen Fettersatz ins Essen mischte, zeigten, daß es gerade mal 48 Stunden dauert, bis die fehlende Energie wieder ausgeglichen ist: Die Kinder essen einfach mehr.

Fett-Ersatz macht Appetit

Ein wenig biologisches Verständnis hätte den Herstellern enorme Markteinführungs- und Entwicklungskosten ersparen können. Wie alle Lebewesen verfügt auch der Mensch über eine präzise Regulation der Nahrungsaufnahme. Sie sorgt dafür, daß unser Appetit erst dann gestillt ist, wenn wir die Kalorienmenge gegessen haben, die unser Stoffwechsel erwartet.

Ohne diesen "Ponderostat" hätte der Mensch wohl kaum über Jahrmillionen erfolgreich Zeiten des Mangels, des Überflusses und sich ändernder Nahrungsquellen überleben können. Auch wenn der Ponderostat im Einzelfall "falsch" eingestellt ist, so ist er doch vorhanden und kann nicht einfach durch Fettsparen ausgetrickst werden.

Fettkonsum bleibt stabil

In praktisch allen Überflußgesellschaften pendelt sich der Fettkonsum bei rund 40% der Gesamtenergiezufuhr ein - ein deutliches Zeichen für eine biologische Regulation. In Deutschland stieg parallel zum Verkauf von fettreduzierten Käsen der Absatz von besonders fetthaltiger Ware - ganz ohne Werbung. Der Konsum von tierischem Fett blieb über die Jahre schlicht gleich. Kompensiert wird dort, wo sich der Appetit seinen Weg bahnen kann: Gyros z.B. wird in seiner türkischen Heimat meist aus mageren Fleischteilen wie der Lende hergestellt. In Deutschland brummt der Umsatz erst mit fetttriefendem Bauchfleisch. Im Restaurant bei Kerzenlicht kann der Gast seinem Appetit endlich freien Lauf lassen. Jetzt, da es sein gesundheitsbewußter Verstand nicht merkt, holt sich der Körper, was er für richtig hält. Das gleiche Phänomen kennt man übrigens auch von den Süßstoffen.

Ein Verlustgeschäft

Mit Lightprodukten hat die Lebensmittelwirtschaft schlicht die Kalorien verteuert und der Kundschaft doppelt in die Tasche gegriffen. Ob diese Rechnung aufgegangen ist, sei dahingestellt. Die vielgepriesenen "Leichten" waren in der Mehrzahl Flops, deren Kosten sich nicht amortisiert haben. Dieses Fiasko hätte vermieden werden können, wenn man bei der Produktentwicklung nicht auf die ungesicherten Theorien und dubiosen Empfehlungen einiger Ernährungsexperten hereingefallen wäre.

Udo Pollmer



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