[BACK]  [BACK WIDE]  [HOME]  [FORWARD] Editorial    -    Mit Radikalfängern auf Kundenfang [EU.L.E. HOME]

"Radikalfänger" sind "in". Die Vitamine C und E sowie die Vitamin-A-Vorstufe ß-Carotin sollen aufgrund ihrer antioxidativen Eigenschaften wahre Wunder vollbringen: Volkskrankheiten wie Arteriosklerose, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma und grauen Star verhüten, das Immunsystem stärken und sogar vor dem Altern schützen.

Skepsis ist angebracht

Allzuoft basiert der Glaube an die Wunderwirkungen der "Radikalfänger" schlicht auf Korrelationen. Die ergeben sich z.B. beim Vergleich der Ernährungsgewohnheiten und Totenscheine von Menschen aus der Kalahari-Wüste mit denen von New Yorkern. Daraus lassen sich mit einigem statistischem Geschick und wissenschaftlicher Unverfrorenheit trefflich Kausalitäten zimmern, die für die Produkte des Sponsors werben. Man spricht dann vollmundig vom "Krebspräventionspotential von Carotinoiden in epidemiologischen Studien". Während interkulturelle Vergleiche jedes gewünschte Ergebnis liefern, zeigen Vergleiche innerhalb einer Population die Bedeutungslosigkeit antioxidativer Vitamine: In der wohl weltweit größten Ernährungsstudie, die vor wenigen Jahren in China abgeschlossen wurde (Diet, Life-Style, and Mortality in China, Oxford 1990), ergaben sich kaum Zusammenhänge zwischen der Aufnahme antioxidativer Vitamine, ihrem Blutspiegel und Krebs.
Die Stunde der Wahrheit für epidemiologische Korrelationen schlägt, wenn sie in Präventionsstudien überprüft werden. In solchen Studien erhielten zigtausende Teilnehmer unter fachlicher Aufsicht viele Jahre lang antioxidative Vitamine. Die meisten bisher durchgeführten Experimente dieser Art erbrachten nichts Erfreuliches: Vier große Studien wiesen überzeugend die Wirkungslosigkeit der Vitamine bei der Krebs-Prophylaxe nach. In einer der Studien stieg das Lungenkrebsrisiko der Raucher sogar an, wenn sie ß-Carotin bekamen.

Wie steht es beim Essen?

Unsere Nahrung enthält, von der Natur dosiert, zahlreiche Antioxidantien, überwiegend solche, die nicht in den Regalen der Apotheken und Supermärkte stehen. Bei der Herstellung von Lebensmitteln sind die Wirkungen zugesetzter Antioxidantien gut erforscht. In niedriger Dosierung verhindern sie z.B. das Ranzigwerden von Margarine. Damit ein Zusatz von Antioxidantien in einem Lebensmittel die gewünschte Wirkung entfaltet, muß der Hersteller einiges beachten:
Die jeweils "richtigen" Antioxidantien müssen gefunden werden.
Sie müssen homogen ins Lebensmittel eingearbeitet werden.
Sie benötigen einen geeigneten Synergisten.
Der pH-Wert muß stimmen.
Sie müssen exakt dosiert werden. Überdosen wirken prooxidativ.
Es liegt auf der Hand, daß diese Mindestbedingungen bei einer Verabreichung an Menschen nicht erfüllt werden können. Und vor allem: Vitamin C oder auch ß-Carotin wirken nur in Abwesenheit von Sauerstoff antioxidativ. Im Blut, das den Sauerstoff transportiert, erzeugen sie zusammen mit Eisen Radikale. Diese Reaktion wurde nach ihrem Entdecker Fenton benannt. Chemiker nutzen sie seit über hundert Jahren zur Erzeugung von Radikalen. Der Körper muß sich davor schützen und senkt deshalb unter oxidativem Streß (z.B. Rauchen) die Blutspiegel der nun prooxidativen Stoffe (z.B. Ascorbinsäure).

Was der arme Schlucker ...

... auf dem Beipackzettel seiner Vitaminschachtel vergeblich sucht, wissen Lebensmittelhersteller schon lange: Das Motto "viel hilft viel" gilt für derartige Zusätze nicht. Im Gegenteil: Hochdosiert beschleunigen die "Radikalfänger" den Verderb. Sie wirken prooxidativ. Dies begrenzt naturgemäß den Zusatz von Antioxidantien und macht unsere Lebensmittel in dieser Hinsicht relativ sicher.

Udo Pollmer



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