[BACK]  [BACK WIDE]  [HOME]  [FORWARD] Antioxidantien - gestern und heute [EU.L.E. HOME]

Es ist noch gar nicht lange her, da hielt die klinische Medizin Vitamine für Krebspromotoren, deren Zufuhr bei Carcinomkranken und im höheren Alter eingeschränkt werden müsse. Grundlage für diese Einschätzung waren Tierversuche, bei denen Vitaminzulagen zu gesteigertem Tumorwachstum geführt hatten. "Die Ergänzungsstoffe haben auch ihre Schattenseiten. Sie begünstigen das Wachstum der malignen Tumoren". Und im Hinblick auf die Strahlentherapie erklärten die Mediziner seinerzeit, daß "vor allem die Zufuhr von Vitaminen eingeschränkt werden muß". Aus heutiger Sicht sind diese Empfehlungen natürlich überholt - aber nicht unbedingt widerlegt.
Heute gilt die These, antioxidative Vitamine seien "Radikalfänger" und könnten die schädigende Wirkung von freien Radikalen auf die menschliche Zelle und die Immunabwehr vermindern, wenn nicht gar verhindern. Einige Wissenschaftler halten hohe, ja höchste Dosen antioxidativer Vitamine zur Prävention von Krebs, Arteriosklerose und Infektionskrankheiten für notwendig. Die angeblichen Beweise für die positiven Wirkungen der "Radikalfänger" stehen jedoch auf ziemlich wackeligen Beinen. So wurde in vier großen Untersuchungen mit Antioxidantien-Supplementation die Wirkungslosigkeit der zusätzlichen Gaben an Vitamin A, C, E und ß-Carotin bei der Neoplasmaprävention nachgewiesen.

Ernüchternde Studienergebnisse

Jede präventive Maßnahme zur Senkung der Mortalität an einzelnen Tumoren ist an der Gesamtmortalität zu messen. Diese Daten wurden teilweise erhoben, jedoch nicht mitgeteilt. Ist das Zufall? Nur eine große Studie legte alle wesentlichen Daten offen. Mit dem ernüchternden Ergebnis, daß durch die Verabreichung von ß-Carotin die Gesamtmortalität bei 14.800 Rauchern (insbesondere durch Koronare Herzkrankheiten) stieg. Außerdem stieg die Lungenkrebsinzidenz und zwar umso mehr, je länger supplementiert wurde: Nach knapp 8 Jahren war sie in der ß-Carotin-Gruppe 18% höher. Trotzdem begründete man dieses katastrophale Ergebnis damit, daß die Carotingabe nicht lange genug erfolgt sei, um positive Ergebnisse zu zeitigen.
Ganz so überraschend wie es auf den ersten Blick scheint, sind die negativen Studienergebnisse nicht, bedenkt man die altbekannte Tatsache, daß Antioxidantien sehr wohl auch prooxidative, also schädigende Einflüsse haben können. Vielleicht sind so auch die immer wieder berichteten therapeutischen Erfolge von Vitamin-Megadosen (z.B. 10 Gramm Ascorbinsäure i.v.) bei Carcinomen zu erklären: Das in hoher Dosis prooxidativ wirkende Vitamin erzeugt möglicherweise soviel oxidativen Streß, daß es zur Zytostase des Krebses kommt. Dies würde jedenfalls erheblich besser in unser naturwissenschaftliches Weltbild passen, als die "Radikalfänger-Theorie".

Empfindliches Gleichgewicht

Unser Körper muß über Möglichkeiten verfügen, ein Fließgleichgewicht zwischen Anti- und Prooxidantien herzustellen. Wahrscheinlich werden diese Regelsysteme durch massive Überangebote, wie z.B. Vitaminsupplemente, überfordert, bewältigen den Ausgleich nicht mehr, die prooxidativen Wirkungen überwiegen und Krankheiten werden gefördert. In einer der letzten Ausgaben des Deutschen Ärzteblattes klingen denn auch andere Töne an: Die Vitaminzufuhr mit der Nahrung wird eindeutig bevorzugt, nicht zuletzt weil nicht einmal Einigkeit über die "richtige" Dosierung für Supplemente besteht. Bei der aktuellen Diskussion muß außerdem berücksichtigt werden, daß nahezu allen industriell hergestellten Lebensmitteln Antioxidantien zur Haltbarmachung zugesetzt werden. Es ist noch völlig ungeklärt, inwieweit solche Zusätze zum oxidativen Streß beitragen und Krankheiten begünstigen können. Ich rate daher dringend von einer Supplementation mit antioxidativen Vitaminen ab, zumindest bis die Wirkungen dieser Substanzen sowie deren Regulationsmechanismen im Organismus besser untersucht sind. Wer etwas für seine Gesundheit tun möchte, kann nach wie vor frisches Obst und Gemüse auf seinen Speiseplan setzen. Damit sind unsere Patienten allemal auf der sicheren Seite der Prävention.



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