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Editorial - Rinderwahnsinn - längst in deutschen Landen?
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Politischer Aktionismus kennzeichnet die letzten Monate in Sachen BSE. Auf einmal - nach Jahren intensiver Untätigkeit - fordern unsere Verantwortlichen rigorose Maßnahmen, wie etwa Importverbote für britisches Rindfleisch. Da der Rinderwahnsinn zuerst in Großbritannien auftrat, so die Begründung, sind deutsche Verbraucher nur sicher, wenn an unseren Grenzen Rinder schottischer Abstammung und Corned beef englischer Machart zurückgewiesen werden. Deutsche kauft nicht bei Briten, heißt die Botschaft aus Bonn, Deutsche kauft deutsch, raten die Metzger, und unsere Verbraucherschützer halten wieder Wacht am Rhein. Importverbote nützen nichts
Der Verzicht auf britisches Rindfleisch nützt gar nichts. Genau wie die Briten leben wir schon lange mit den Erregern übertragbarer Gehirnerkrankungen, und sie kommen auch bei uns schon seit Jahrhunderten bei Schaf, Ziege und Wild vor. Zudem ist die Seuche - wenn je die Gefahr einer Einschleppung bestand - inzwischen längst bei uns angekommen. Fast 10 Jahre kennt man den Rinderwahnsinn jetzt schon, und allein von 1985 bis 1989 hat die Bundesrepublik 690 Tonnen Fleischmehl direkt aus Großbritannien importiert. Wir haben keinen Grund, mit dem Finger auf die Briten zu zeigen. Sie verboten bereits 1988 die Verwendung von Fleischmehl zur Rinderfütterung. Deutschland folgte erst sechs Jahre später, 1994. Britisches Fleisch würde bei einem Importverbot auch nicht im Ärmelkanal versenkt, sondern vermutlich unter anderen Bezeichnungen auf dem zahlungskräftigen deutschen Markt wieder auftauchen. Schließlich sieht man einem Rindswürstchen seine Nationalität nicht an. Einen Vorteil hat ein Importverbot allerdings: Es bringt eine Marktentlastung für deutsche Bauern, die sich damit elegant eines Wettbewerbers entledigen. Das ist nichts Neues und passiert seit vielen Jahren ständig an Europas Innengrenzen. BSE durch Umweltschutz? Entscheidend für die Ausbreitung von BSE in England war weniger die niedrigere Behandlungstemperatur in den britischen Fleischmehlbetrieben, sondern der Verzicht auf die Behandlung der Schlachtabfälle mit Lösungsmitteln. Im Gegensatz zu Hitze töten Lösungsmittel Prionen - die vermuteten Überträger der Seuche - zuverlässig ab. Kein Wunder, daß diese Nachricht in Deutschland ungehört verhallt ist. Hierzulande wurde die Behandlung vor etwa 10 Jahren aus Umweltschutzgründen aufgegeben. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den PER-Skandal? Damals waren auf dem Weg über Futtermehle Rückstände des Lösungsmittels Perchloräthylen in praktisch alle tierischen Produkte wie Eier, Milch und Wurst gelangt. BSE - im Zoo schon angekommen
Da Fleischmehl zur Aufzucht unseres Nutzviehs Verwendung findet und Scrapie in Deutschland längst vorkommt, könnten unsere Schweine und das Geflügel genau so gut wie Rinder mit den Erregern infiziert sein. Daß wir keine siechen Hühner und Schweine im Fernseher sehen, hat gute Gründe: Sie werden verspeist, bevor sie sichtbar an der Krankheit verenden. Zudem hat kein Schlachthof Interesse daran, in Hunderttausenden von Schlachttierhirnen nach schwammartigen Veränderungen zu suchen. Der Grund dafür, daß man bei uns noch keine BSE-Rinder entdeckte, könnte ein ganz profaner sein: Kein Staat kann es sich leisten, im eigenen Land BSE festzustellen - es sei denn, die Spur weist nach Großbritannien. Das Eingeständnis einer solchen Erkrankung würde die Landwirtschaft in den Ruin treiben und die Staatskassen schwer belasten. Was also ist zu tun? Es gibt keine Möglichkeit, das Risiko der Übertragung völlig auszuschließen. Aber es wäre ein Leichtes, es drastisch einzuschränken: Gehirne - egal ob britisch, deutsch oder dänisch, ob Schwein, Rind oder Schaf - sollten vorerst nicht mehr zur Herstellung von Lebensmitteln (z.B. Leber- und Bregenwurst), Kosmetika oder Arzneimitteln verwendet werden. Diese Maßnahme wäre ebenso wirkungsvoll wie billig, dazu noch einfach durchzuführen. Aber sie läßt sich offenbar weder politisch ausschlachten, noch in klingende Münze umsetzen. Udo Pollmer |
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